Stiftung für die nachhaltige Entwicklung der Bergregionen

2023
DAS WORT DES DIREKTORS

«Nach 20 Jahren Abenteuer ist nun Schluss»

Dieses Vorwort ist das letzte, das ich als Direktor in einem Tätigkeitsbericht der FDDM verfasse. Nach 20 Jahren an der Spitze der Stiftung habe ich beim Stiftungsrat meinen Rücktritt zum Jahresende eingereicht. Es war eine lange und schöne Reise!

Da ich fest im Hier und Jetzt verankert und auf das Morgen gerichtet bin, erspare ich Ihnen an dieser Stelle die Litanei an Erinnerungen. Lassen Sie mich stattdessen auf zwei Denkanstösse eingehen, die meine Arbeit in den letzten Jahren geprägt haben und es auch in Zukunft tun werden.

 

In der Frucht ist der Wurm drin

Nämlich der Status quo. Ich stelle fest, dass die meisten der sogenannten Nachhaltigkeitsmassnahmen nur darauf abzielen, einen Zustand beizubehalten. Viele Ideen und Konzepte, begleitet von wirtschaftlichen Strategien und technologischen Innovationen, versprechen uns eine rosige Zukunft. Dabei werden wir jedoch von einer euphorischen Rhetorik geblendet. Die Verpackung ist zwar mittlerweile recycel- oder biologisch abbaubar, doch stammt die Frucht weder aus lokalem noch aus saisonalem Anbau, wurde unter schlechten Bedingungen produziert und hat unzählige Kilometer hinter sich. Der Wurm ist also bereits drin und ich will sie nicht mehr essen. Ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell, das starr darauf besteht, das Gleiche … anders zu tun, ist zum Scheitern verurteilt. Leider verteidigen die Verfechterinnen und Verfechter diese Systeme mit aller Kraft. Ich sage nicht, dass wir bisher alles falsch gemacht haben, sondern dass unsere Denkweisen veraltet sind und nicht als Grundlage für die Gestaltung der Welt von heute und morgen dienen können.

Keine Angst vor «Suffizienz»

Das Glas ist halb voll und genau aus diesem möchte trinken. Zweifellos gibt es Tage, an denen ich entmutigt bin ob der Sturheit und Uneinsichtigkeit mancher Personen. Doch arbeite ich glücklicherweise mit Menschen zusammen, die sich aktiv für den ökologischen Wandel einsetzen. Der Begriff «Suffizienz» schreckt diese ebenso wenig ab wie der Verzicht auf bestimmte Aktivitäten oder Produkte. Sie bemühen sich, die natürlichen Ökosysteme zu verstehen, um sich in sie einzufügen und bewusst darin zu leben. Und nein, es sind keine weltfremden Idealistinnen und Idealisten. Ich habe den grössten Respekt vor diesen Leuten, die die Welt neu denken. Sie inspirieren mich.

 

Das Vertrauen in die Wissenschaft und die Institutionen wahren oder wiederherstellen

Ich werde zwar die FDDM verlassen, doch bleibt mein Enthusiasmus – wie Sie sicherlich bemerkt haben – ungebrochen und tief in mir verwurzelt. Es besteht eine Tendenz zur Polarisierung und Fronten neigen dazu, sich zu verhärten. Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und den Institutionen ist weit verbreitet. Deshalb ist es wichtiger denn je, den Dialog und das Vertrauen aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen. Vielen Dank für die bereichernden und bewegenden Diskussionen sowie für die lebhaften Wortgefechte. Diese Erfahrungen haben mich Beharrlichkeit und Bescheidenheit gelehrt.

Eric Nanchen
Eric Nanchen, Direktor der FDDM